Meine Tochter ist hochgradig depressiv und suizidgefährdet - ein Erfahrungsbericht

 

Ein weiterer Teil meiner kleinen Serie „Besondere Kinder“. Hier erzählen Eltern über ihre eigenen besonderen Kinder und was dies für ihr Leben bedeutet.

 

Heute berichtet Simone von ihrem Leben. Sie hat gleich zwei besondere Kinder. Und eine der Beiden ist Antonia. Ein 14 Jahre altes Mädchen, das hochgradig depressiv und suizidgefährdet ist. Das ist ihre Geschichte und die ihrer Familie.

 

 

 

Antonia ist meine Zweitgeborene und 14 Jahre alt. Sie ist ein Scheidungskind und mittlerweile von meinem jetzigen Mann mit ihrem großen Bruder adoptiert worden. Ich habe mich von meinem Exmann getrennt, da war Toni 1 Jahr alt.

 

Toni war immer ein fröhliches, tolles und sehr sozial eingestelltes Mädchen. Sie war immer für andere da und ist nie negativ aufgefallen.

 

Sie ritzt sich

 

Alles begann, als sie gerade 11 Jahre alt geworden war. Ich bekam eines Tages einen Anruf aus der Schule, mit der Frage, ob ich denn wüsste, dass Toni sich ritzt. Wir fielen aus allen Wolken...

 

Wir haben nichts, rein gar nichts davon mitbekommen. Sie war nach außen unverändert und fröhlich wie immer. Ab da begann das ganze Drama. Ich habe sofort einen Termin bei einem Facharzt ausgemacht. Toni hatte Gespräche. Wir hatten Gespräche, es liefen Tests usw. Am Ende wurde uns gesagt, dass dies eine Phase ist und von allein wieder verschwinden wird.

 

Abwarten

 

Wir sollen dem ganzen keine Aufmerksamkeit schenken und einfach abwarten. Gesagt, getan... Das ritzen kam und ging wieder und kam wieder. Oft war wochenlang kein Vorfall, dann wieder mehrere innerhalb kürzester Zeit. Bis August 2015...

 

Der Abschiedsbrief

 

Da fanden wir einen Abschiedsbrief von ihr. Ich total panisch und geschockt, Toni eingepackt und nach Nürnberg im Nordklinikum vorgestellt. Sie musste 10 Wochen stationär auf einer offenen Station für psychisch kranke Kinder bleiben und wurde mit Antidepressiva und der Diagnose "mittelgradige depressive Episode" als stabil entlassen. Wir haben voller Hoffnung, mit einer tollen Therapeutin und neuer Ärztin an der Hand, in die Zukunft geschaut.

 

Neue Hoffnung, die zerschellt

 

Doch dem war leider nicht so. Toni verletzte sich immer häufiger, regelmäßiger und vor allem tiefer. Es folgten Notarzteinsätze, da sie teilweise so viel Blut verlor, dass sie daheim kollabierte. Die Notaufnahme kannte uns schon ganz gut und hatte überhaupt kein Verständnis für derartiges Verhalten. Sie wurde einmal sogar ohne Betäubung genäht, da "sie ja auf Schmerzen stehe" (Aussage eines Arztes). Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie ich getobt habe. Die Therapeutin hat Toni dann sogar zeitweise täglich einbestellt, damit wir einem weiteren Klinikaufenthalt entgehen. Das Ganze ging dann bis November 2016. Da kam der Anruf von der Therapeutin, dass sie Toni nicht mehr nach Hause lasse, da sie hochgradig suizidgefährdet ist. Ich solle einige Sachen packen und sie sofort in eine Einrichtung in die nächst größere Stadt bringen.

 

Sie ist nicht mehr zu Hause, stattdessen auf einer geschlossenen Station

 

Ja und was soll ich sagen, dort ist seitdem immer noch. In der ganzen Zeit war sie drei Nächte daheim und ganz selten mal paar Stunden. Wenn wir Glück haben und sie gut drauf, dürfen wir bei Besuchen mal eine Runde spazieren gehen. Sie gilt immer noch als hochgradig suizidgefährdet. Hatte auch stationär mehrere Versuche, die sie dreimal nur ganz knapp und durch pures Glück überlebt hat (Zwei Mal musste sie sogar notoperiert werden, da sie sich die Unterarmvene 20 cm lang aufgeschlitzt hat). Sie ist die meiste Zeit auf einer geschlossenen Station untergebracht, die einem Gefängnis gleicht. Sie ist sehr oft fixiert, weil man sie nicht anders vor sich selbst schützen kann. Das passiert dann leider auch sehr oft mit Hilfe der Polizei.
Mittlerweile wissen wir, das Borderline genetisch bedingt ist. Es reichen kleine Auslöser, damit diese zum Ausbruch kommt. Bei uns war es unter anderem Mobbing in der Schule und dass ihr leiblicher Vater keinerlei Kontakt zu ihr möchte.

 

Es ist die Hölle

 

Wir gehen seitdem durch die Hölle. Wir haben ständig Angst um ihr Leben und wissen nicht, wie das Ganze endet. Die Einrichtung, in der sie gerade ist, ist maßlos überfordert mit der Situation und möchte sie nur zu gern verlegen. Wir haben viele Kliniken und Einrichtungen, auch mit Hilfe des Jungendamtes, angefragt. Aber keiner traut es sich zu, sie zu händeln.

 

Eine neue Einrichtung – wir schöpfen Hoffnung

 

Mitte Dezember kam dann endlich der heißersehnte Anruf, eine Uniklinik hat einer Verlegung zugestimmt und eine Wohngruppe im Anschluss an die stationäre Behandlung wurde auch in Baden-Württemberg gefunden. D.h. Toni soll in der nächsten Zeit nach 15 Monaten endlich verlegt werden. Auch wenn wir diesbezüglich leider schon wieder vertröstet wurden. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf. Die Klinik ist u.a. auf Borderline im Kindes- und Jugendalter spezialisiert und behandelt auch unter 16- jährige (das Alter war bei den Anfragen auch oft ein Problem, 90% behandeln dieses Krankheitsbild erst ab 16 Jahren und machen auch keine Ausnahme).

 

Einmal die Woche besuchen wir sie. Toni blickt etwas hoffnungsvoller in die Zukunft. Sie wünscht sich selbst, dass ihr die neue Einrichtung dabei hilft ihre Krankheit zu verstehen. Sie macht sich Gedanken über einen Schulabschluss. Wir wünschen uns vor allem, dass ihr jetzt möglich schnell geholfen wird. Denn je früher das passiert, desto besser sind ihre Prognosen, irgendwann ein halbwegs normales Leben zu führen.

 

 

 

 

 

Liebe Simone, von Herzen Danke für deine Offenheit und eure Geschichte. Ich wünsche euch, dass ihr endlich die richtige Hilfe findet und alles einen guten Weg gehen wird.

 

 

 

Eine weitere Geschichte über besondere Kinder findest du hier.