Es wird wieder gut gehen - eine Zeit voller Emotionen

 

Ich bin müde. Und ich habe Angst.

 

Seit einiger Zeit schon. Länger als diese Krise andauert. Das Funktionieren funktionierte nicht mehr. Ich hatte immer öfter das Gefühl, ich brauche eine Auszeit. Ich brauche eine Pause. Ich kann nicht mehr.

 

Und dann kam die Corona-Krise hinzu. Und es musste irgendwie weitergehen.

 

An manchen Tagen meistere ich es ganz gut, an anderen weniger. Ich mache mir Sorgen. Um meine Lieben, darum, ob wir jemals wieder einen sorgenfreien Alltag haben werden, wie lange das alles andauern wird. Darum, ob es jemanden aus meinem Umfeld erwischt. Ich mache mir Sorgen um Schularbeiten, darum, dass die Kinder den Anschluss verlieren. Auch den sozialen. Sorgen um Menschen, die gerade ihre Existenz verlieren. Sorgen um die Kranken und Älteren.

 

Ich stehe im Supermarkt und werde von der Verkäuferin an der Wursttheke höflich darauf hingewiesen, noch einen Schritt nach hinten zu gehen. Ich hatte die Markierung am Boden übersehen und war einen Schritt zu nahe an der Theke, obwohl ich immer noch gefühlt weit weg war. Natürlich hat sie Recht. An der Kasse kommen mir die Tränen. Der Abstand zwischen den Menschen ist deutlich sichtbar. Auch zu Recht, um das irgendwie alles eindämmen zu können, aber es erschüttert mich. Wie konnte sich die gesamte Welt innerhalb von zwei Wochen so ändern?

 

Nachmittags im Wald sehe ich meine beste Freundin und ihre Familie und wir rufen uns über sicher 10 Meter Abstand zu und winken. Keine Umarmung, kein Gesichtlesen möglich. Die Kinder müssen daran erinnert werden, dass sie nicht aufeinander zu rennen dürfen. Und es bricht mir das Herz. Wir vermissen uns. Sehr.  Der Kleine erinnert mich daran, den Abstand zu halten, wenn wir vereinzelt Menschen begegnen und wieder muss ich schlucken.

 

Ein paar Menschen aus dem Bekanntenkreis schreiben mir, wie sehr sie die Zeit genießen. Zeit für Familie, Zeit für vieles, wofür sonst keine Zeit ist. Ich frage mich, wie sie das machen. Ich schaffe das nicht. Ich rotiere zwischen Homeschooling und das ist gefühlt unendlich, dem Haushalt, Kochen (jetzt schon mittags, ständig wasche ich und spüle ab), meiner Arbeit und vielem anderen. Zwischen all den Emotionen, den unfassbaren Nachrichten aus der Welt, zwischen Videos aus Italien und Berichten, in denen Menschen weinen, weil sie sich von ihren Lieben nicht mal verabschieden können. Ich kämpfe mit Wut, weil mir alles so ungerecht erscheint. Und ich bin müde. Sehr.

 

Die Kinder streiten sich viel. Und das kostet mich unglaublich Kraft. Auch sie sind voller Emotionen, vermissen ihre Freunde trotz Skype und WhatsApp sehr. Sie vermissen ihre Lehrer, die Schule, den ganz normalen Alltag. Ein Stück weit auch Struktur, weil wir diese trotz Tagesplan nicht immer so haben, wie ich es gernhätte. In schlechten Momenten frage ich mich, ob diese wiederkommen wird. Ich bin verunsichert, wie viel laufen lassen richtig ist und was unbedingt bearbeitet werden muss. Lehrer aus unserem Freundeskreis sprechen von vielen Wochen, wenn nicht sogar Monaten.

 

Ich bin launisch und werde oft lauter, als ich das eigentlich will. Ich bin ungeduldiger als sonst. Und weiß zugleich, dass das auch für meine Jungs alles andere als einfach ist.

 

Ich ermahne mich nicht länger als von Tag zu Tag zu denken. Durchhalten und die guten Augenblicke speichern und davon zehren. Denn natürlich gibt es diese. Im Wald, beim Basteln, beim Filmschauen und Chips essen. Dann, wenn ich schon morgens um 6 meine Laufstrecke laufe und die Sonne aufgeht. Wenn unser Kleiner mir bei Spaziergängen die schönsten Geschichten erzählt. Wenn wir Karten an Menschen schreiben, die wir vermissen und damit Freude schenken.  Wenn wir Regenbögen in Fenstern entdecken und liebe Nachrichten und kleine Geschenke von lieben Menschen vor unserer Tür liegen sehen. Ich bin froh um gute Freundinnen, die mich aufbauen, wenn der Tag richtig bescheiden war. Ich hätte nie gedacht, was eine Nachricht bewirken kann.

 

Ich versuche zuversichtlich zu sein. Irgendwie wird es wieder gut werden. Auch wenn viele von uns schlimme Verluste erleben und Narben davontragen werden. Es wird wieder gut werden. Und wir werden tanzen und feiern und mit einem Hugo anstoßen. Oder vielleicht auch einem mehr. Und dann werden wir das haben, was wir sonst kaum zu schätzen wissen, Normalität. Es wird gut werden.   

 

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Kommentare: 10
  • #1

    Kathrin (Mittwoch, 25 März 2020 06:58)

    Liebe Nisla, ich fühle so mit dir. Bleib stark . Es wird wieder gut werden.

  • #2

    Annika (Mittwoch, 25 März 2020 07:20)

    Du sprichst mir (und bestimmt vielen Anderen) aus der Seele! Die Ungewissheit, wie lange es noch geht finde ich am schlimmsten! Aber wenn es wieder „normal“ wird, feiern wir ein großes Fest! Zusammen schaffen wir das!

  • #3

    Nicole (Mittwoch, 25 März 2020 07:39)

    Liebe Nisla, ich kann gut fühlen wie du dich fühlst. Nur zuhause, nachmittag mal kurz spazieren. Mein großer hat gestern mit seinen PawPatrol Hunden gespielt...... Er sprach mit seinen Hunden "Sky musst du auch zuhause bleiben wegen Corona. Ich musste den Raum verlassen weil mir die Tränen über die Wangen gelaufen sind.
    Ich wünsche mir auch so sehr den Alltag zurück �
    Wir werden es aber alle irgendwie schaffen☺️

  • #4

    Nadine (Mittwoch, 25 März 2020 07:46)

    Liebe Nisla,
    Ich fragte mich beim Lesen, ob ich das geschrieben habe. Es spricht mir aus der Seele und mir geht es genauso. Ich sollte mit meinen Kindern letzte Woche zur Kur an die Ostsee fahren, ich hatte mich monatelang auf diese, dringend benötigte Auszeit, gefreut.
    Stark bleiben, Weitermachen, Durchhalten.
    Wir schaffen es!

  • #5

    Margot (Mittwoch, 25 März 2020 08:22)

    Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe oft die gleichen Gedanken und versuche mich dann mit irgend etwas abzulenken. Auch mir macht das alles Angst, hoffe aber auf einen guten Ausgang . Wir müssen stark sein und durchalten.

  • #6

    Lena (Mittwoch, 25 März 2020 08:24)

    Danke. Es geht mir ganz genauso wie dir. Zwischendurch geht alles und dann holen mich die Sorgen ein. Ich vermisse die Sorglosigkeit. Hinterher werden wir vieles mehr zu schätzen wissen. Hoffentlich etwas länger als ein paar Wochen....

  • #7

    Silvana (Mittwoch, 25 März 2020 08:32)

    Ich bin da ganz bei dir. Diese Ungewissheit, die Angst es könnte jemanden meiner lieben treffen macht einen kaputt. Mir geht es mit meinen Mädels (9, 7) genauso. Schnell ungerecht und laut und alles nur, weil die Struktur des gewohnten Alltags fehlt.
    Ich bin mir sicher, irgendwie wird es gut werden, aber nicht mehr so wie es war. Es wird anders und wir werden hoffentlich alle mehr zu schätzen wissen, was wir haben.

  • #8

    R. (Mittwoch, 25 März 2020 12:03)

    Liebe Nisla, danke, dass du deine Gedanken und Gefühle teilst, denn auch mir geht es so. Ich vermisse die Unbeschwertheit und den normalen Alltag. Ich bin viel zu oft laut und ungerecht und hinterher tut es mir einfach leid, denn auch den Kindern fällt die Situation nicht leicht. Auch ich versuche Home Office, Kinder und Haushalt unter einen Hut zu bekommen, aber es gelingt mir nicht sehr gut. Irgendwas bleibt immer auf der Strecke. Und gefühlt habe ich derzeit weniger bewußte Zeit mit den Kindern als sonst. Aber wir werden das schaffen. Es sind erst eineinhalb Wochen, aber auch den Rest schaffen wir. Es wird laut sein. Und es wird schwer sein. Aber auch voller Liebe. Fühl dich gedrückt. Du schaffst das!

  • #9

    Claudia Vollstädt (Mittwoch, 25 März 2020 16:36)

    Liebe Nisla, auch ich habe Angst. Hoffe von einem Tag auf den anderen, dass meine Lieben gesund bleiben. Angst machen Seele krank, sagte schon Anna Seghers. Alles Liebe für dich.

  • #10

    Anna-Katharina (Mittwoch, 25 März 2020 22:07)

    Liebe Nisla,
    vielen Dank für deinen Beitrag... du sprichst mir aus der Seele, in vielen Punkten denke ich ähnlich!

    Ich stärke mich, verzichte großteils auf zuviele Nachrichten (das hilft ungemein), so komm ich gut durch den Alltag mit Kleinkind!

    Kopf hoch, es wird wieder - irgendwann!

    Alles Liebe