After-Klinik-Update

Es ist drei Uhr morgens, als ich diesen Text schreibe. Längst wollte ich euch ein After-Klinik-Update geben, aber das Leben, die Erschöpfung und die Traurigkeit kamen dazwischen. Die Depression wird auch weiterhin mein Begleiter sein. Die letzten vier Wochen waren überwältigend, Achterbahn gleich und oft auch hart. Ich bin zu Hause wieder angekommen und tue mich gleichzeitig doch oft schwer. Wir alle wissen, was die Pandemie und das damit verbundene Homeschooling gerade von uns fordert. Wir alle sind müde, ausgelaugt und wünschen uns nichts sehnlicher als etwas Normalität. Gefühlt wurde ich aus der Klinikblase hineinkatapultiert in eine Zeit, die ich manchmal kaum aushalte. Ich gebe täglich nach wie vor mein Bestes, um das zu wuppen, was gewuppt werden muss. Meine Jungs sind das Wichtigste in meinem Leben und auch sie gehen an manchen Tagen am Zahnfleisch, sind frustriert, demotiviert und überladen. Ich versuche zu kompensieren und das gelingt mir mal mehr, mal weniger gut. Ich habe die ersten beiden Wochen einige Stunden nachts durchgeschlafen, seit zwei Wochen ist es wieder katastrophal. Die Albträume sind zurück, ich schlafe nie länger als bis drei Uhr morgens und wache zig Mal auf. Das hat zur Folge, dass ich mich tagsüber sehr gerädert fühle und auch immer wieder der Drang da ist, mich hinzulegen und nicht mehr aufzustehen.

 

Dennoch hat sich auch einiges verändert: Ich bin froh, dass ich durch die Diagnose komplexe posttraumatische Belastungsstörung endlich auch mal einen Erklärungsansatz dafür habe, warum ich so empfinde und agiere wie ich es oft tue. Ich habe wieder mit dem Laufen begonnen. Zum einen, weil ich merke, dass ich danach für einige Zeit doch mehr Energie habe und auch, weil ich die Kilos, die ich dank vieler Medikamente und wenig Bewegung zulegte, weil ich kaum noch raus ging, wieder loswerden möchte. Ich gehe generell bereits sehr früh laufen, um sicherzustellen, dass ich möglichst niemandem begegne. Aber immerhin gehe ich wieder laufen. Ich habe eine Psychologin gefunden, die zwar nur alle vier Wochen einen Termin für mich hat, doch auch das ist besser als nichts. Ich vertrage keine Lautstärke mehr. Das ist für mich etwas sehr Ungewöhnliches, weil ich sonst doch immer der Hansdampf in allen Gassen war. Sobald etwas lauter ist, werde ich panisch. Viele Menschen zusammen wie etwa beim Einkaufen sind zu viel für mich. Daher gehe ich nur noch in einem kleinen Supermarkt einkaufen oder lasse meinen Mann das übernehmen. Für einen Socializer wie mich absolut untypisch. Vielleicht bin ich das auch einfach nicht mehr. Ich bin ruhiger geworden, nicht mehr so aufbrausend. Ich will ein ruhigeres Leben führen, mich nicht für alles verantwortlich fühlen und nicht immer die Schuld bei mir suchen. Ich kuschle wieder viel mehr mit meinen Kindern. Brauche die Nähe. Sie ist wie ein Energiefass, aus dem ich Kraft ziehe. Ich habe auch Tage, an denen ich lache und das Gefühl von Glück wieder annähernd fühle. Ich vermisse meine Klinik-Gang. Ich habe wundervolle Menschen kennengelernt, die mir in all den Wochen sehr viel gegeben haben, die genau wissen, wie sich ein leerer, dunkler Raum anfühlt. Wie es ist schreien zu wollen und gleichzeitig stumm zu bleiben. Die diese schwere Leere kennen. Sie fehlen mir sehr. Dennoch habe ich zu einer Menge von ihnen Kontakt und wir telefonieren, oft sogar über Facetime. Am 1.6. beginne ich nach neun Monaten wieder mit der Wiedereingliederung auf meiner Arbeit. Ich habe großen Respekt vor diesem Schritt und wünsche mir, dass ich das alles gut packe. Dass auch hier die Freude wieder Einzug hält und ich gelernt habe und auch umsetzen kann, dass auch 100 und manchmal vielleicht auch nur 80% Leistung immer noch gut genug sind. Ich bin vor kurzem 36 geworden. Nur ein paar Tage nach meiner Rückkehr. Ich hatte einen sehr ruhigen, für mich aktuell, genau richtigen Tag. Ich habe viele Karten, Geschenke und liebe Worte erhalten, was mir einmal mehr gezeigt hat, dass ich mich doch mehr als gesegnet fühlen darf. Der Weg ist lang und die depressiven Tage nach wie vor da. Der Klinikaufenthalt war notwendig und ich kann es nur jedem empfehlen. Denn egal, wie viel leere und traurige Momente es immer noch gibt, ich bin eine Menge Schritte weiter als davor. Ich habe ein neues Lebensjahr begonnen und vielleicht ja auch irgendwie ein neues Leben. Das hoffe ich sehr. Ich bin ein Depression-Fighter und werde es auch immer bleiben. Ich danke euch für all euren Zuspruch. Wenn ihr Fragen habt, fragt ruhig. Auch wenn ich auf viele Messenger-Nachrichten oft verspätet reagiere, ich versuche alles zu beantworten. Ich erfreue mich an jedem eurer Kommentare, denn auch das gibt mir Kraft. Passt gut auf euch auf, Ihr Lieben. Danke für alles und bis bald. Eure Nisla <3

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