Wer kranke Menschen meidet, wird das Leben nie schätzen

 

Ihr Lieben, auf meinen Aufruf hin, wer von Demenz betroffene Menschen kennt, sie umsorgt oder pflegt, haben mich unglaublich viele erschütternde, aber auch zutiefst berührende Geschichten erreicht. Ich habe lange überlegt, wie ich es am besten handhabe, es zusammenfasse, die Geschichten bündle. Und habe dann gedacht, das ist nicht richtig. Jede Geschichte verdient ihr eigenes Gehör. Jede muss erzählt werden. Demenz muss bekannter gemacht und die vielen unterschiedlichen Leben dahinter sichtbar gemacht werden. Also werde ich eine kleine Reihe zu diesem Thema starten und hoffe sehr, dass Ihr, meine lieben Leser, damit einverstanden seid. Ich habe eines durch all diese Erzählungen gelernt: Das Leben ist sehr kostbar und sollte jeden Tag aus dem Vollsten gelebt werden.

 

Hier kommt sie also, die erste von etlichen Leben: Die Geschichte von Katharina und ihren Großeltern, die sehr erschütternd ist und zugleich von großer Liebe erzählt.

 

 

 

Es beginnt schleichend

 

 

 

Vor ca.10 Jahren fing es an das meine Oma (damals Leiterin einer Firma 69 Jahre alt) vergaß Rechnungen zu zahlen und nicht mehr wusste was sie tat. Unter anderem spendete sie ihr halbes Vermögen.

 

Im weiteren Verlauf waren die Rechnungen so hoch, dass sie ihr Haus verkaufen mussten, welches sie selbst gebaut hatten. Mein Opa war acht Jahre älter, musste sich aber selbst versorgen, da meine Oma es einfach nicht mehr machte. Als wir das Haus ausräumen mussten fiel uns auf, dass meine Oma sich nicht mehr konzentrieren konnte. Dinge, die kaputt waren, packte sie zu dem Heilen. Sie war nicht mehr fähig zu unterscheiden. Noch nahmen wir das Ganze nicht so ernst und dachten, tüttelig werden wir im Alter alle.

 

Später in der Wohnung fiel uns auf, dass meine Oma nie einkaufen wollte. Meist nur etwas Brot, etwas Wurst und viel Sekt und Wein.
Mein Opa baute körperlich sehr ab, ließ uns aber nicht merken, dass etwas nicht gut war.

 

 

 

Betreutes Wohnen als Option

 

 

 

Wir wollten dann, dass sie ins betreute Wohnen kommen, so dass wir sie versorgt wussten, meine Großeltern zu essen bekamen und der körperliche Zustand meines Großvaters sich immer weiter verschlechterte. Er fiel sehr oft hin. Doch das lehnten sie ab.

 

Meine Mutter kochte von da an immer für meine Großeltern mit und sah sie spätestens alle zwei Tage.

 

 

 

Opa stirbt durch ein Unglück

 

 

 

Mein Opa war bis zum Ende geistig fit und gar nicht schusselig.
Irgendwann riefen sie drei Tage nicht an und es ging keiner ans Telefon. Als meine Mutter und mein Onkel hinfuhren, stand das Auto draußen, aber keiner öffnete die Tür.
Als der Hausmeister die Tür öffnete und die Windfang Tür geschlossen war, ahnte meine Mutter Schlimmes (sie ist Krankenschwester). Mein Onkel blieb zurück. Als sie dann zu nächsten Tür in der Wohnung ging, die zum hinteren Flur ging, war diese auch verschlossen (meine Großeltern hatten Angst vor Einbrechern).
Als diese eingetreten wurde, sah meine Mutter den leblosen Körper ihres Vaters nackt im Bad darüber meine Oma ,diese lebte noch und war im Nachthemd. Sie lag über ihn und fragte meine Mutter, ob Opa noch schläft. Sie hatte wohl einen Demenzschub. Er schien mit dem Kopf gegen die Heizung gefallen und verblutet zu sein.

 

 

 

Oma kommt ins Heim

 

 

 

Danach wurde sie ins Pflegeheim gebracht, konnte zwar mit etwas Flüssigkeit und Nahrung wieder aufgepäppelt werden, aber wusste nicht, dass mein Opa tot war.  

 

Wir fanden ein sehr nettes Heim in der Nähe ihres Hauses, mit kleinen eigenen Zimmer.
Zwei Jahre war sie dort, aber sehr gefühlskalt. Sagte Dinge wie Opa liebe sie sowieso nicht.

 

Irgendwann rief das Heim an und sagte, dass sie wohl einen Hirnschlag hatte oder Schub (meine Oma hatte seit ihrer Geburt Wasser im Kopf die die Demenz beschleunigen), danach konnte sie noch alleine atmen, aber weder alleine essen noch allein auf Toilette oder sonstige alltägliche Dinge.

 

 

 

Meine Oma ist verschwunden

 

 

 

Die Situation ist jetzt seit drei Jahren die Gleiche. Nach dem letzten Schub ist es, als sei meine Oma verschwunden.

 

Sie hat eine Patientenverfügung, in der steht, dass sie, wenn sie nicht mehr schlucken kann oder nichts mehr zu sich nehmen will, ihr nur noch Flüssigkeit und Schmerzmittel gegeben wird.
Auch bei Krankheiten, darf kein Arzt sie mehr behandeln.
Sie hat keine Zähne mehr da sie kaum noch isst. Wenn wir hinfahren schläft sie nur. Es tut sehr weh das mitanzusehen.

 


Es gibt Mittel um die Demenz zu verlangsamen aber bis sie einverstanden war, es zu testen, war es zu spät. Opa spielte immer auf heile Welt, ich denke auch aus Scharm. Meine Eltern gehen zum Neurologen, um früh genug Medikamente zur Verlangsamung zu bekommen, falls es sie treffen sollte. Das Thema ist daher immer präsent.

 

 

 

Wer kranken Menschen meidet, wird das Leben nie schätzen

 

 

 

Ich habe mich damit abgefunden, aber mich nicht von den Menschen abgewandt. Meine Mama sagt immer, der Tod gehört genauso zum Leben dazu wie die Geburt. Wer kranke Menschen in Heimen oder Krankenhäusern meidet, wird das Leben nie schätzen. Ich möchte dies an meine Kinder weitergeben, denn ich will nicht irgendwann alleine sein und darauf hoffen, dass mich jemand besucht.

 

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