Meine Beziehung mit einem Narzissten - Eine Betroffene erzählt

Vor einiger Zeit hat sich Anja an mich gewandt, die ihre Geschichte erzählen möchte. Vielleicht auch, um andere zu warnen. Anderen Betroffenen Mut zuzusprechen und ihnen die Gewissheit zu geben, es wird besser, wenn man erst mal erwacht ist. Anja hatte eine Partnerschaft mit einem Narzissten. 

Ein Narzisst ist ein Mensch, der sich als wichtiger und wertvoller einschätzt, als die Umwelt ihn wahrnimmt. Er ist gekennzeichnet von Selbstverliebtheit und Selbstbewunderung und weist viele charaktertypische Merkmale auf, von denen Anja im Folgenden von einigen erzählt.

Ihr war anfangs nicht bewusst, dass sie es mit einem Narzissten zu tun, was sich aber im Laufe der Zeit immer mehr herauskristallisiert hat. Das ganze Ausmaß konnte sie allerdings erst nach Beendigung der Beziehung erkennen.

Liebe Anja, vielen Dank, dass du dich bei mir gemeldet hast. Gerne würde ich in deinem Fall von der typischen Interview-Form weggehen und dich stattdessen einfach erzählen lassen, was in dir vorgeht.

 

Liebe Leserinnen und Leser,

ich bin Anja und Anfang 40. Ich habe drei Schulkinder und lebe in Scheidung. Nach der Trennung von meinem Mann hatte ich eine weitere Beziehung, die mich fast zerstört hätte.

Ich bin, und das Unglaubliche ist eigentlich, dass ich das so nie von mir gedacht hätte, Opfer eines Narzissten geworden. Ich kannte ihn schon eine ganze Weile durch unsere Jobs. Wir haben gut zusammengearbeitet und in gewisser Weise fand ich ihn schon immer sehr charismatisch und anziehend. Er war höflich, respektvoll, machte mir Komplimente und wertete mein ganzes Selbst auf. In seiner Gegenwart hatte ich wirklich das Gefühl „Jemand“ zu sein. Es ging um meiner selbst willen. Was für ein fataler Trugschluss, wie sich erst viel später herausstellen sollte. Nachdem meine Ehe also gescheitert war, kamen er und ich uns sehr schnell näher. Wir verabredeten uns und verbrachten die ersten Wochen in wunderschöner Zweisamkeit. Er kochte für mich, brachte mir Schokolade und Trinken ans Bett, wärmte mich, wenn ich fror und hielt mich im Arm, wenn mir alles über den Kopf zu wachsen schien. Ich hatte das Gefühl meinem Seelenverwandten begegnet zu sein. Er sagte mir, dass er sich nie jemanden zuvor so geöffnet hätte wie mir gegenüber. Dass er mir vertraute. Ich liebte diesen Mann mehr als ich je zuvor geliebt hatte und ich saugte jedes liebe Wort, jedes Kompliment, jedes Streicheln nur so in mir auf. Der erste Dämpfer kam, als wir einen Kurztrip zusammen machten und er auf dem Heimweg im Auto mit mir über Politik zu streiten begann. Und das war keinesfalls mehr ein Diskurs, sondern er brüllte und fühlte sich von mir gekränkt, weil ich seine Haltung, noch dazu aus seiner beruflichen Position heraus, nicht verstehen konnte. Es endete, wie auch viele Male danach, im Versöhnungssex. Dennoch blieb da ein gewisser Zweifel in mir bestehen, ob das das Richtige sei. Die nächsten Tage vergingen und alles war wieder auf Anfang gepolt. Wir verstanden uns, sahen uns aufgrund der familiären Umstände etwa 1-2 Mal in der Woche und telefonierten fast täglich. Immer ging dieser Kontakt aber von mir aus. Die anfänglichen Nachrichten, in denen er mir einen schönen Tag wünschte und die ich jeden Morgen erhielt, wurden weniger und blieben irgendwann ganz aus. Wenn ich ihn mittags anrief, war er oftmals zu beschäftigt, obwohl er zu diesem Zeitpunkt zu Hause war und sagte mir irgendwann, ich solle mich mittags nicht mehr melden, weil es sonst den Zauber verliere. Ich tat wie mir geheißen und unterließ es, obwohl ich gleichzeitig nicht verstand, warum, weil ich es als wunderbar empfand seine Stimme zu hören. Und ist es nicht normal, dass man sich anruft, wenn man sich nicht sieht? Das nächste Mal, das Zweifel in mir aufkommen ließen, war als er völlig ausrastete, weil ich mich tätowieren ließ. Dieser Termin stand schon lange vor unserer Beziehung. Ich wusste zwar, dass es ihm nicht gefiel, aber ich wollte das Tattoo, also ließ ich es machen. Als ich abends dann bei ihm war, macht er mich richtig fertig bis ich weinend auf dem Sofa saß. Es folgte, was völlig typisch ist für Narzissten, ein Liebesschwur und meine Sorgen waren wie weg geblasen. Irgendwann erreichte unsere Beziehung allerdings eine Ebene, die von  Zurückweisen und Wiederherholen geprägt war. Er lud mich aus, wenn er schlechte Laune hatte, was mir weh tat, weil wir uns ohnehin so selten sahen. Er schimpfte am Telefon, kochte nicht mehr für mich und saß oft lange am Computer, wenn ich da war. Es gab Momente, da fühlte ich mich wie ein lästiges Anhängsel. Wir hatten den wunderschönsten Sex und ich lag glücklich in seinen Armen, um ein paar Minuten später von ihm zu hören, dass unsere Beziehung ja ohnehin keine Zukunft hätte. Er manipulierte mich nach Strich und Faden und ich war diesem Mann heillos verfallen. Und das obwohl meine Alarmglocken schon sehr lange schrillten. Bei Streitereien suchte ich die Schuld bei mir und machte immer den ersten Schritt zur Versöhnung. Er ließ mich wissen, dass er nie einer Frau hinterherlaufen würde. Wenn ich gehe, dann gehe ich und das war’s. Er erzählte mir, wie viele Frauen er schon gehabt hatte. Es waren hunderte. Wie er so wunderschöne Abschiedsbriefe schreiben konnte, dass ihm selbst die Tränen kamen, wie oft er Frauen schon verletzt hatte. Er hatte keinen Kontakt zu seinen Kindern, seine zweite Ex-Frau war laut seiner Aussage das schlimmste Biest, das man sich vorstellen konnte. Er hatte immer gute Jobs, wechselte die Arbeitsstelle aber häufig, weil immer „irgendetwas gewesen war“. Er fühlte sich von allen ungerecht behandelt und suchte nie Schuld bei sich. Seine erste Ex-Frau war nach einem Jahr Ehe plötzlich ausgezogen und es kamen Momente, in denen ich mir eingestand, dass es wohl einen Grund gehabt hatte. Ich lernte seine Eltern kennen und durfte anschließend nie mehr mit, wenn er zu ihnen fuhr. Obwohl sie mich eingeladen hatten und ich auch das Gefühl, dass sie mich mochten. Alles drehte sich immer um ihn. Er bestimmte, wann wir uns sahen. Und wann nicht. Unsere Beziehung bestand aus Schluss machen, wieder zusammen kommen, Liebesentzug, wieder wunderschönem Sex, usw. Es war ein Kreislauf, an dem ich langsam zu zerbrechen drohte. Er wollte nie meine Kinder kennen lernen und sagte mir, dass er mich in meiner Rolle als Mutter nicht erleben könne. Er zeigte kein Interesse mehr an meinem Leben.  Und ich verführte ihm, wann immer ich konnte, weil es mein einziges Mittel war, ihn zu halten. Oftmals täuschte ich Orgasmen vor, damit er sich bestätigt fühlte. Tief im Inneren wusste ich längst, dass diese Beziehung niemals wirklich bestanden hatte. Irgendwann kam es dann zum endgültigen Bruch und ich bettelte über Wochen, dass wir uns weiterhin sehen könnten. Ich hielt einige Tage ohne Kontakt aus, um ihm dann weinend auf die Mailbox zu sprechen und ignoriert zu werden. Als ich ihn einige Wochen später wieder einmal anschrieb, erhielt ich sogar eine Antwort. Auf meine Nachfrage hin, ob wir mal wieder telefonieren könnten, sagte er mir, er wäre zuversichtlicher, aber ertrage keine Emotionalität. Als ich ihm sagte, dass es mir sehr schlecht ging, antwortete er nur, warum er wegen mir eigentlich immer ein schlechtes Gewissen haben müsse. In diesem Moment blieb mir buchstäblich die Luft weg. Es tat weh und gleichzeitig begriff ich,  dass alle Warnzeichen längst vorhanden waren. Dass meine Freundinnen Recht hatten und ich viel mehr als das verdient hatte. Und ich bin fast sicher, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits jemand Anderen hatte. Durch Zufall stieß ich auf ein tolles Buch von Christine Merzeder: „Wie schleichendes Gift. Narzisstischen Missbrauch in Beziehungen überleben und heilen.“ Und beim Lesen war es, als ob mein Ex-Partner dieses Buch als Lehrbuch herangezogen und nach Schema abgearbeitet hatte. Es tat weh und gleichzeitig half es mir ungemein. Ich lernte, dass ich in gewisser Weise missbraucht wurde. Für seine narzisstische Persönlichkeit. Ich lernte aber auch, dass ich nie mehr war für ihn als diejenige, die ihm die Bewunderung gab, die er so dringend brauchte. Und damit lernte ich auch, dass er mich nie wirklich liebte. Und sich das einzugestehen, ist ein Stück weit tatsächlich die Hölle. Aber es hilft. Und es hilft vor allem den Kontakt komplett abzubrechen und das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen. Zu wissen, ich bin so viel mehr wert als das. Ich habe so viel mehr verdient. Und irgendwann wird es auch für mich wieder aufwärts gehen. Aktuell empfinde ich mehr Mitleid als alles andere. Mitleid, weil dieser Mann nie wirklich lieben wird, weil er ein Stück weit immer unglücklich sein wird. Mitleid mit der Frau, die als nächstes auf ihn herein fällt und die ich am liebsten schütteln und warnen möchte.

Aber ich glaube auch fest daran, dass alles im Leben einmal zurückkommt. Und das gibt mir die Kraft weiterzumachen. Ich beginne wieder zu flirten. Kleide mich hübsch und genieße Komplimente von anderen. Und ich beginne zu heilen. Was für eine wunderschöne Sache. Ich möchte allen Betroffenen Mut zusprechen: Wacht auf. Lasst euch das nicht bieten. Bleibt nicht in der Loyalität gefangen und seid euch bewusst, dass ihr so viel mehr wert seid.

 

 

Liebe Anja, von ganzem Herzen DANKE für deine offenen Worte. Wenn jemand selbst betroffen ist oder reden möchte, darf er/sie sich gern melden. Ich gebe dann die Kontaktdaten von Anja weiter. Nisla

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