Wie eine Allergie das komplette Leben verändern kann

Diana ist Mama einer fast 16-jährigen Tochter. Einer Tochter, die heute absolut fit ist und man nicht glaubt, was dieser junge Mensch schon hinter sich hat. Und das alles wegen einer Allergie. Was diese Angst um das Leben des eigenen Kindes mit der Familie gemacht hat. Wie sie Enttäuschungen und Traurigkeit, sogar Mobbing ausgesetzt waren und das alles „nur“ wegen einer Allergie. Davon erzählt Diana uns heute in einem Interview.

 

 

 

Liebe Diana, danke dass du dich auf meinen Aufruf gemeldet hast und von Eurer Geschichte erzählen möchtest. Was ist es genau, was du zu berichten hast?

 

Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Die letzten 13 Jahre waren gefühltechnisch begleitet von ständiger Angst um das Leben meines Kindes. Immer, egal wann, egal wo. Einfach immer. Es wurde begleitet von Enttäuschungen, Frust, Traurigkeit, Hoffnung und Dankbarkeit.

 

Es fing zunächst in der Familie an, die das Ausmaß erst begriff, nachdem das 3- jährige Kind mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht wurde.

 

Die nächste Hürde war dann der Kindergarten. Zum Glück haben wir einen Kindergarten gefunden, in dem die Erzieherinnen hinter uns standen, bereit waren die Notfallspritze zu setzen und entsprechende Schulungen zu besuchen. Sie mussten schlimme Beschimpfungen über sich ergehen lassen und haben sich immer schützend vor uns gestellt, um den ganzen Ärger, der ausgelöst wurde, durch ein Verbot von Nutella, das damals noch Erdnussoel enthielt, von uns abzuhalten. Dafür haben sie eigentlich eine Auszeichnung verdient. Eine entfernte Freundin hatte nicht so viel Glück, denn da verweigerte der Kindergarten über die komplette Adventszeit die Betreuung ihres Sohnes. Leider ist das kein Einzelfall. Es gibt Kindertageseinrichtungen, die zum Beispiel wegen eines einzelnen Kindes, den anderen doch die Erdnüsse nicht vorenthalten können!

 

Das klingt nach einer harten Zeit, wenn man sich ständig rechtfertigen muss. Es ist aber auch schön, dass der Kindergarten euch in dieser Art und Weise unterstützte. Wie ging es weiter?

 

Irgendwann brach dann unsere Schutzmauer zusammen und nun waren wir den Anfeindungen ausgesetzt. Ja, es geht immer noch nur um eine Erdnussallergie. Man muss dazu wissen, dass meine Tochter bereits auf winzige Spuren anaphylaktisch reagierte, d.h. sie musste Erdnuss gar nicht selber essen, es reichte der bloße Kontakt. Die Kinder selbst waren da noch nicht das Problem, die waren zuckersüß und halfen prima mit auf Linda aufzupassen. In der Grundschule versuchte man sie von der Schule zu verweisen.  Das ging bis zum Schulministerium. Denn so ein Kind gehört in eine Behinderteneinrichtung! Wieder waren es die Eltern, die gegen uns aktiv wurden. Erneut hatten wir unsagbares Glück und die Pädagogen standen geschlossen hinter uns. Es ging über Anfeindungen auf offener Straße bis hin zu Terrortelefonanrufen. Nachdem man hier die Kids aufklärte, eine Allergie ist nicht ansteckend, haben auch diese wiederum sehr gut mitgeholfen.

 

Irgendwann kam dann die Zeit der weiterführenden Schule. Was passierte dann?

 

Das wurde in der weiterführenden Schule etwas anders. Hier ließen die Anfeindungen der Erwachsenen nach, aber jetzt waren es die Mitschüler, die mit Erdnüssen nach Linda warfen oder ihr mit welchen hinterherrannten, um zu sehen wie sie anschwoll. Und wieder hatten wir viel Glück mit der Schule, die das zu unterbinden wusste. Leider gibt es hunderte Betroffene, die das Glück nicht haben und noch zusätzlich mit Schulen und Behörden zu kämpfen haben.  Linda musste ständig ihr Notfallset  mit sich tragen. In der Schule, auf Ausflügen, im Kino, zu Freunden. Falls Sie diese überhaupt besuchen durfte. Adventszeit? Die schlimmste Zeit des Jahres. Nikolaus? Überall Nusskekse und Erdnüsse! In den Urlaub fliegen? Unmöglich! Wir hatten ein Zeitfenster von 15 Minuten, in dem der Notfallarzt ihr das lebensrettende Adrenalin spitzen konnte. Unser Urlaub war ausschließlich in Deutschland, damit wir die Inhaltsstoffe von Lebensmitteln lesen konnten und uns auf Spurendeklaration verlassen konnten. Ich habe stets unser Domizil in der Nähe eines Krankenhauses ausgewählt.

 

Mit welchen Einschränkungen musstet ihr noch leben?

 

Ski Urlaub? Die anderen Kinder aßen im " Restaurant " Pommes und Co. Meine Tochter eine Banane. Zu Kindergeburtstagen wurde sie nur sehr selten eingeladen. Mit der Familie ins Restaurant essen gehen? Fast unmöglich. Sich im Sommer an der Strandpromenade ein Eis holen? Fehlanzeige. Karneval betteln gehen? Russisches Roulette.

 

 

 

Mit Oma in den Urlaub? Zu ängstlich. Oder bei anderen übernachten? Das Butterbrot mit dem Sitznachbarn tauschen, den Geburtstagskuchen in der Schule mitessen .  Ganz normale Dinge, über die andere nicht nachdenken müssen, waren für uns ein hohes Risiko.

 

Wie hast du dich als Mama dabei gefühlt?

 

Und ich? Immer Gewehr bei Fuß. . ständig die Angst vor einer Reaktion. Bin ich in der Nähe um meinem Kind beizustehen? Um ihm die rettende Spritze zu geben? Wirkt die Spritze auch noch? Zum Glück gab es auch Freunde, die uns sehr unterstützten.

 


Wie geht es Linda heute?

 

Heute hat sie seit einem Jahr keine Erdnussallergie mehr und ihr geht es sehr, sehr gut. Wir haben es geschafft, sie vor Schäden, körperlich und seelisch,  zu bewahren und viele Probleme hat sie glücklicherweise nicht bekommen. Sie genießt ihr pubertierendes Leben und ich umso mehr. 

 

 

 

Wie kam es dazu, dass Linda heute gesund ist?

 

 

 

Bei 20% der betroffenen Kinder " verwächst" sich so eine Allergie. Und ich bin Gott dankbar, da wir dazugehören dürfen!

 

 

 

Was möchtest du meinen Lesern noch mitgeben?

 

 

 

Seid dankbar dafür, dass Ihr gesunde Kinder habt und informiert Euch bitte erst, bevor Ihr urteilt. Und nimmt vielleicht mehr Rücksicht auf Betroffene. Für Betroffene selbst kann ich den Verein NAN empfehlen.

 

 

 

Liebe Diana, von Herzen Danke für diesen Einblick in Euer Leben und Euer Vertrauen. Alles erdenklich Gute für Eure Zukunft und weiterhin so viel Mut und Liebe für Euer Familienleben.

 

 

 

Habt Ihr auch etwas, was Ihr gern erzählen würdet? Dann schreibt mir eine Nachricht. Ich freue mich.

 

 

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Elke Sterk (Dienstag, 23 Januar 2018 13:09)

    Aus dem Alltag....

  • #2

    Jana (Dienstag, 23 Januar 2018 17:00)

    So geht es mir mit meinem Sohn (9 Jahre) auch. Wirklich toll geschrieben! Hoffentlich lesen diesen Beitrag auch die "Richtigen".

  • #3

    Tanja (Dienstag, 23 Januar 2018 22:09)

    Oh, das kennen wir. Unsere Tochter hat mit 13 Monaten anaphylaktisch auf einen Flips reagiert (jetzt ist sie fast 4). Wir haben zum Glück ein sehr verständnisvolles Umfeld (Familie, Kindergarten etc.).
    Toll, dass ihr das Glück hattet, dass die Allergie sich verwachsen hat. Auf so einen Glücksfall hofft wohl jeder :-)

  • #4

    Anni (Sonntag, 28 Januar 2018 21:30)

    Hat sie die Allergie von ganz allein "verloren" oder wurde das mit hilfe von Erdnussprotein Hyposensibilisiert?
    Unsere Tochter hat auch eine Schlimme Erdnussallergie. Normal bleibt die Erdnussallergie ein leben lang bestehen, leider. Da hatte Ihre Tochter so viel Glück :-)
    Große Unikliniken bieten mittlerweile Studien zur Hyposensiebiliesierung der Erdnussallergie An. Meine Tochter nimmt aktuell an einer teil, es ist für uns ein letzter Strohhalm, weil auch wir diese ständige Angst haben und bald der Schulwechsel ansteht. :-(

  • #5

    Liebe was ist (Mittwoch, 07 Februar 2018 22:09)

    ohh ja, da sprichst du mir aus der Seele!
    Hühnereiweiß ist es bei mir - das war in einer harmlosen Impfung als Zusatz mitdrinnen und ich durfte danach ins Krankenhaus ... und nie wieder Eier essen ;)

    liebste Grüße auch,
    ❤ Tina von www.liebewasist.com