Bis wir uns wiedersehen

 

Wir allen haben diese Phasen. Diese Phasen, in denen uns nichts gelingen mag. Die einen müde machen und manchmal auch mürbe. Die Nächte sind schlecht, der Arbeitgeber nicht fair, die Freundin versteht einen nicht und der, ansonsten beste Ehemann von allen, ist nur auf Streit aus. Diese Zeiten, in denen die ganze Welt gegen einen zu sein scheint. Wir alle kennen diese Phasen. Und fühlen uns ungerecht behandelt. Von der Welt, der höheren Macht, Allem.
Bis dann etwas passiert, das dir wahrlich den Boden unter den Füßen wegzieht. Das dich an allem zweifeln lässt und du dem Universum deine Wut und deine Trauer nur so entgegen schleuderst. Dass dich sprachlos zurücklässt. Auch heute manchmal noch.

 

So geht es mir. Die Trauer, die Wut, die Traurigkeit ist auch nach fast einem Jahr noch da. Und sie hat einen Schatten auf mein Herz gelegt. Und dennoch verdrängt die Sonne regelmäßig diesen Schatten und lässt die Tränen trocknen. Aber ich möchte Euch die ganze Geschichte erzählen:

 

Vor mehr als zehn Jahren habe ich meinen Mann kennengelernt. Man mag es kaum glauben – durch ein Blind Date. Dank meiner Mutter. Die ihn beruflich kannte und für die dieser Mann der perfekte Schwiegersohn wäre.

 

War er dann auch, der perfekte Mann für mich. Und wie das eben immer so ist, steht auch der erste Besuch bei den Schwiegereltern an.

 

Beim ersten Treffen mit meiner Schwiegermama war ich aufgeregt. Was sie wohl sagen würde, ob sie sich mich als Frau für ihren Ältesten vorstellen könnte. Ob ich die Prüfung bestehen würde. 😉

 

Und sie tat es. Ich weiß noch heute den Satz, den sie am Ende unseres ersten Treffens zu meinem Mann sagte:“ Die passt, die behalten wir.“ Noch heute ist dieser eine kurze Satz so tief in meinem Herzen. Und noch heute rührt er mich zu Tränen. Die Jahre vergingen, wir bekamen zwei wundervolle Söhne, zwei richtige Räuberkinder. Meine Schwiegermama war Freundin, Oma, Geschichtenerzählerin und die beste Köchin zugleich. Sie machte den besten Scheiterhaufen und malte die wunderschönsten Bilder. Spielte Tennis und war Seniorenmeisterin. Es war nicht so, dass wir uns immer perfekt verstanden. Wir konnten uns herrlich aneinander reiben, aber sind nie im Bösen auseinander. Sie hatte eine wunderbare Seele und war eine grandiose Oma für meine Kinder.

 

Sie war, denn sie fehlt.

 

Sie wurde uns genommen vor fast einem Jahr. Genommen von dieser f*cking Krankheit, die sich Krebs nennt. Mitten aus dem Leben gerissen, innerhalb von sieben Tagen von der Diagnose bis zum Tod. Einfach so. Ohne Grund. Mit 65 Jahren. Genommen ohne zu fragen, wie wir fühlen. Und wir standen ratlos daneben. Tun dies auch heute noch. Sieben Tage, die von Unglauben, Unwissenheit, Diagnose und Verzweiflung über Kampfeswillen, Abschiednehmen und unendlicher Liebe geprägt waren. Ihre vier letzten Tage lag sie im Koma, doch ich glaube fest daran, dass sie spürte, dass wir da waren. Hände hielten. Uns in den Armen lagen. Sangen. Ihr zu verstehen gaben, es ist okay, wenn sie loslässt. An unserem letzten gemeinsamen Tag habe ich sie gestreichelt, zwischen all den Schläuchen, ihren Kopf gestreichelt und immer wieder gesungen. Der Vater im Himmel segne dich. Er segnet sie. So wie sie für uns ein Segen war. Aushalf, die Kinder nahm, zuhörte, Rezepte erklärte, malte, meine Freundin war. So viel mehr als nur meine Schwiegermama. Nicht perfekt. Viel mehr als das.

 

Ich hätte so gern mit ihr gekämpft. Diesen Kampf gewonnen. Zusammen. Es hat nicht so sollen sein. Ihre Zeit hier auf Erden war begrenzt, wie sie es für uns alle ist. Sie musste nicht leiden. Sie war nicht allein. In ihren letzten Stunden waren wir bei ihr, haben Geschichten erzählt und den Raum mit Liebe erfüllt.

 

Das wird uns niemals jemand nehmen können. Es war nichts unausgesprochen. Es war nur Herz, Liebe und die Gewissheit, wir werden uns wiedersehen.

 

Es hat mir förmlich den Boden unter den Füßen weggerissen. Und auch noch heute bin ich an manchen Tagen wacklig auf den Beinen. Sie fehlt an allen Ecken und Enden. An den besonderen und den einfachen Tagen.

 

Ich spüre den Schatten am Herzen. Der sich zeigt, wenn ich traurig bin. Sie vermisse. Das Gewissen und das Herz, das dir den Schatten aufs Herz legt.

 

Mich umhüllen mit einer bleiernen Schwere.

 

Manchmal spüre ich diesen Schatten. Wie einen dunklen Stein, der mich bedrückt.

 

 

 

Und dann kommt meine Familie und bringt das Licht zurück. Lässt den Schatten Schatten sein und erstrahlt. Es ist nicht so, dass der Schatten dann nicht mehr da wäre. Es ist nur so, dass das Licht den Schatten übertrifft.

 

 

 

Dann spüre ich diese unendliche Mutterliebe im Besonderen. Die auch meine Schwiegermama in sich getragen hat.

 

 

 

Vom Himmel mitten ins Herz. Meine Kinder haben aus meinem Inneren eine Mami-Seele gemacht.

 

Sie haben Träume, die nicht alle in Erfüllung gehen, für die sie kämpfen und diese hoffentlich nie aufgeben werden.

 

Ich werde sie an sie erinnern, wenn sie selbst nicht mehr daran glauben.  

 

Werde ihnen den Weg zeigen, wenn sie sich verlaufen haben.

 

Sie haben mich verändert. Und nie hat sich etwas richtiger angefühlt als das hier. Hier mit ihnen. Die mein Leben einmal umgekrempelt haben und die mich komplett machen. Ohne die ich diesen Verlust nicht durchgestanden hätte.

 

Ich bin glücklich. Nicht immer zufrieden, doch glücklich.

 

Sie nehmen mich mit auf ihre Abenteuer und oft stehe ich staunend daneben. Staunend und lächelnd.

 

Sie lernen immer mehr auch ohne mich zurecht zu kommen. Und wieder stehe ich daneben und lächle. Mit Tränen in den Augen.

 

Von Tag zu Tag mehr. Die Liebe wächst. Noch immer. Es erstaunt mich. Erfüllt mich mit einer ungeheuren Dankbarkeit. Trotz dem Verlust. Ich bin dankbar.

 

Bis ich sie hatte, habe ich nur erahnt, was diese Mutterliebe mit einem macht. Das Leben mit ihnen ist ein einziges Wunder.

 

Und ich werde da sein. Wann immer sie mich brauchen. Einfach Dasein. Neben ihnen, hinter ihnen und wenn nötig auch vor ihnen. Dasein mit all der Liebe, die mir Gott gegeben hat. Die immer weiter wächst.

 

Bereit für neue Abenteuer mit ihnen. Um es hoffentlich genauso gut zu machen wie meine Schwiegermama. Die so viel Liebe hinterlassen hat, dass wir auch weiterhin unseren Weg gehen werden. 

 

Glücklich und dankbar. Mutig und voller Herzenswärme. Bis wir uns wiedersehen.