(Triggerwarnung) Mein Vater der Tyrann - Häusliche Gewalt in der Familie

Heute schreibe ich einen Beitrag über einen Menschen, der anonym bleiben möchte. Anonym, um die eigene kleine Familie zu schützen. Anonym aus Angst vor Repressalien und anonym, weil nur ein Bruchteil der Freunde ihre Geschichte wirklich kennen. Es ist ein Beitrag über häusliche Gewalt, über die Auswirkungen auf die Kindheit, aber auch auf das Erwachsenenleben. Diese häusliche Gewalt verändert einen. Sie macht einen stärker, weil man zwangsläufig viel miterleben und es durchstehen muss. Sie macht einen aber auch schwächer, weil man gekennzeichnet ist. Für sein ganzes Leben. Dies ist sie also, ihre Geschichte…

 

 

 

Alkohol verändert einen. Anfangs macht es Spaß, man ist ein bisschen gelöster, ein bisschen launiger, lacht mehr. Doch es gibt leider auch die andere Seite. Die, die zur Sucht wird. Die einen nicht aufhören lässt zu trinken. Die einen verändert, zum Negativen. Auch wenn nicht jeder agressiv wird. Aber es gibt sie diese Fälle. Zu genügend. So ist das bei meinem Vater gewesen. Ich kenne meinen Vater aus meiner Kindheit fast nur in solchen Momenten. Ein, zwei versuchte Entziehungskuren, die nichts gebracht haben. Ich, immer ein erklärter Feind, wahrscheinlich, weil er in mir meine Mutter gesehen hat. So genau weiß ich das nicht. Ich kann die vielen, vielen Situationen gar nicht mehr alle rekapitulieren. Es waren schlichtweg einfach zu viele. Aber es gibt Erlebnisse, die haben sich eingeprägt. Die, wenn ich mich hinter dem Sessel versteckt habe, weil er meine Mutter an den Haaren gezogen hat. Die, wenn er ausholte und ich eine Ohrfeige bekam, weil er sich provoziert fühlte, obwohl ich nicht einmal weiß, warum. Die Situation, als ich ihm in meiner kindlichen Dummheit sagte, hat ja gar nicht weh getan, war ja nur aus Marzipan und er mich so auf den Hintern schlug, dass ich tagelang kaum sitzen konnte. Das sind die Situationen, die sich tief eingenistet haben. Und das, obwohl ich noch so klein war. Und meine Mutter versuchte mich zu verteidigen und sich schlussendlich dann auch trennte. Als meine Eltern sich scheiden ließen, hatten wir mal Kontakt und mal keinen. Wenn mein Vater nüchtern war, dann war alles soweit okay. Nur leider war er das viel zu selten. Und wenn er es nicht war, musste in seinen Augen nur ein falsches Wort gesagt werden und man hatte verloren. Sich und auch ein Stück seiner Kindheit. Was das mit einem macht? Viel zu viel. Es verändert einen. Sehr. Und es hängt heute nach all den Jahren, sogar Jahrzehnten, noch ganz tief in mir drin. Wenn ich darüber spreche, was ich selten tue, oder es mir bewusst mache, dann kommen mir die Tränen. Auch aus Wut, weil ich mich frage, warum hat er mir das angetan. Warum geht man so mit geliebten Menschen um? Man liebt doch seine Kinder, oder nicht? Wie kann man dann nur so etwas tun. Er hatte keine leichte Kindheit. Wurde ebenfalls von Mutter zu Oma und schlussendlich zum Vater geschoben. Niemand kam mit ihm klar, niemand kam mit ihm aus. Er machte, was er wollte. Liebe wurde durch materielle Zuwendung ersetzt. Er hatte keine leichte Kindheit. Aber ich auch nicht. Und trotzdem bin ich heute anders. Ich hab keine Süchte. Ich liebe meine Kinder, würde alles für sie geben. Seine Kindheit ist keine Entschuldigung für das, was er tut. Antut. Wenn ich lauter werde, erinnert es mich an meine Kindheit und ich schäme mich. Wenn mein Mann sagt, sie müssen auch mal aufessen und nicht immer noch halbhungrig vom Tisch aufstehen, weil sie einfach keine Zeit haben zu essen. Dann weiß ich zwar, dass er Recht hat, aber dann wehre ich mich dagegen, weil ich es auf mich projiziere, weil ich weiß,  wie es ist, wenn man gezwungen wird zu essen. Weil ich weiß, wie es ist, mich dann zu übergeben. Ich projiziere viel. Ich habe versucht mit ihm auszukommen. Meinem Vater. Der Respekt ist schon lange verloren. Aber ich habe versucht, es auf neutraler Ebene stattfinden zu lassen. Ihm immer wieder deutlich gesagt, wenn er nüchtern ist, können wir uns treffen. Dann ist er auch erstaunlicherweise ein guter Opa. Er spielt mit den Kindern. Fußball oder macht Quatsch. Er ist bemüht. Aber eben nur, wenn er nüchtern ist. Und das war er vor einiger Zeit nicht. Und es ist eskaliert. Ein Wort gab das andere. Meine Kinder hatten Angst vor ihm, große Angst. So ist es nun vorbei. Endgültig. Dass ich mein Leben lang immer eine latente Angst spüre, ist eine Sache. Aber nicht meine Kinder. Es gibt keinen Kontakt mehr, auch wenn es Versuche seinerseits gab. Selbst meine Kinder sagen, dass sie ihn nicht mehr sehen wollen. Meine kleinen, armen unschuldigen Kinder sagen das. Es hat viel mit mir gemacht. Diese Kindheit. Und auch das, was danach kam. Aber die Kindheit meiner Kinder soll beschützt sein und behütet. Und ohne Angst. Mit unendlicher Liebe. So haben wir keinen Kontakt mehr. Und das ist gut so.

 

 

 

 

 

Ich danke der Schreiberin für diesen Beitrag. Der so wichtig ist, weil er aufrüttelt. Weil er zeigt, dass häusliche Gewalt niemals Berechtigung hat. Weil man sich davon lösen muss. Um sich zu schützen. Und seine Kinder.

 

Das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben hat für Opfer häuslicher Gewalt ein Hilfetelefon eingerichtet, das unter 08000116016 erreichbar ist. Alles Liebe ♥️- auch der Schreiberin. Eure Nisla